Das Töchterlein des Jairus

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Was haltet ihr von der Aussage: Zuerst komm erst mal ich! Ihr denkt vielleicht, das ist ganz schön egoistisch. So darf man gar nicht denken. Oder für einen Christen ist das doch total daneben. Aber überlegen wir einmal genauer:
Was passiert, wenn ich nicht an mich denke?
Wenn ich nur für andere da bin und für andere lebe? Wenn ich nur das tue, was andere von mir erwarten?
Das tut auf Dauer niemandem gut. Wir werden gereizt, unzufrieden, müde und kraftlos und wir können unsere Aufgaben nur noch schwer erfüllen.
Wenn ich aber nach mir schaue, das muss nicht gleich heißen, dass ich alles und möglichst viel für mich alleine haben will. Solche egoistische Menschen gibt es natürlich auch. Es bedeutet, dass ich auf meine Bedürfnisse achte. Dass ich genug schlafe, esse und trinke. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. So wie es mein Körper verlangt. Meinem Körper soll es gut gehen, denn er ist mein zu Hause und der Tempel des Heiligen Geistes.
Dass ich mir Zeit nehme für Gott und seinen Willen für mich erkenne, dass ich in enger Gemeinschaft mit ihm lebe. Zeit für meine Hobbys und meine Kreativität. Zeit um in mich hineinzuhorchen, was alles in mir steckt. Welche Gaben und Talente stecken in mir und wie könnte ich sie entfalten?
Wenn ich das tue, dann habe ich auch die Kraft für andere da zu sein.
Was sagt nun die Bibel dazu?

In Matth 22,37-39 geht es um die Frage nach dem höchsten Gebot. Jesus sagt; Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, und von ganzem Gemüt. Und das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.
Gott möchte, dass wir ihn lieben, das soll unsere Lebensgrundlage sein. Wir sollen die Liebe, die Gott uns schenkt mit Gegenliebe beantworten.
Wir sollen unseren Nächsten lieben, er ist auch ein Geschöpf Gottes und von Gott geliebt.
Und ganz selbstverständlich fügt Jesus hinzu, wir sollen uns selbst lieben: deinen Nächsten, wie dich selbst. Das fällt uns manchmal besonders schwer. Warum? Denken wir, das bin ich nicht wert? Denken wir zu klein von uns selbst?
Gott möchte aber, dass wir uns selbst lieben. Er hat uns das Leben geschenkt und uns so gemacht, wie wir sind. Er wollte uns so und er liebt uns auch so, mit allen unseren Schwächen und Stärken. Erst, wenn wir uns selbst lieben und annehmen können, dann können wir auch andere so lieben und annehmen, wie sie sind. Für Gott ist jeder von uns liebenswert.

Schauen wir uns nun einmal Jesus an. Wie lebte er?
Er liebte das Leben, und er wollte, dass die Menschen auch gerne leben. Wir haben es in der neutestamentlichen Lesung gehört: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Das heißt nicht, nur so vor sich hin leben. Jesus möchte, dass wir das Leben mit seiner ganzen Fülle, die es uns bietet, leben. Er bietet uns dieses Leben an. Er fordert uns sogar dazu auf. Ihr sollt leben. Es gibt viel in uns und um uns herum zu entdecken. Gaben und Aufgaben, die es heißt zu erkennen und zu leben. Das ist für jeden Menschen verschieden, denn wir Menschen sind ja auch verschieden.
Nicht aus Pflichterfüllung, Zwang oder um Erwartungen zu erfüllen, etwas für andere tun, sondern aus Liebe zu Gottes Geschöpfen. Wenn wir von Gottes überschwänglicher Liebe leben, und diese Liebe weitergeben, dann erleben wir das Leben in seiner ganzen Fülle.

So hat Jesus gelebt. Und er hatte genau wie wir menschliche Bedürfnisse, die er ernst nahm.
Als er müde war schickte er seine Jünger weg um selbst zu ruhen.
Auch blieb er Gott und sich selber treu.
Als die Juden von ihm verlangten, er soll sich mit Gewalt gegen die Römer in Form von Krieg wehren, hat er das nicht getan. Denn dafür war er nicht auf der Welt.
Jesus begegnete auf seiner Wanderschaft vielen Menschen, die ihn traurig machten. Sie konnten nicht so leben, wie Gott sie gemeint hat. Ein Beispiel hören wir nun in unserem Predigttext, er steht in Mk. 5,35-43: Das Töchterlein des Jairus.

Jairus war Synagogenvorsteher.
Was heißt das, die Tochter eines solchen Mannes mit so einem angesehenen Beruf zu sein?
Wie kann es Kindern aber auch nicht selten Ehefrauen von Lehrern, Ärzten oder Pfarrern gehen?
Wird von ihnen nicht mehr erwartet als von allen anderen? Müssen sie die Rolle spielen, die von ihnen erwartet wird und in die sie hineingedrängt werden?
Sie werden immer beobachtet. Und wenn einmal etwas schief geht, sagen die Leute:
Schaut mal und das ist die Tochter des Arztes, des Pfarrers oder Lehrers.
Prüft euch einmal selbst: Lassen wir uns auch in ungewollte Rollen drängen oder drängen wir selbst sogar andere Menschen in ungewollte Rollen?
Wie können solche Kinder aufwachsen?
Trauen sie sich überhaupt noch irgendetwas zu, aus Angst, ja nichts falsch zu machen und ihre Rolle richtig zu spielen?
In Lk 8,42 lesen wir, dass des Jairus Töchterlein das einzige Kind war. Es wurde wahrscheinlich besonders umsorgt und bedient und nicht zur Selbständigkeit erzogen.

Und noch etwas fällt auf:
Die Tochter des Jairus hat in unserem Text keinen eigenen Namen. Niemand scheint es für wichtig gefunden zu haben, wer diese Tochter nun eigentlich ist.
Kennt ihr das nicht auch?
Mein Vater arbeitete in einer Molkerei. Ich war in unserem Ort nur Molkers Waltraud. Jeder wusste so, wo ich hingehörte. In der Schule war ich die kleine Schwester von meinen älteren Geschwistern, weil sie schon vor mir da waren. Als wir nach Onstmettingen zogen, und die Kinder in den Kindergarten gingen, war ich die Mutter von Sonja und Miriam. In Tailfingen bei den Verwandten meines Mannes, bin ich die Ehefrau von Ernst-Dieter. Und so weiter. Jeder von uns steckt in solchen Rollen, wo er Erwartungen und Pflichten zu erfüllen hat.
Das ist auch ganz in Ordnung so, und ich bin gerne Mutter und Ehefrau aber, die eigentliche Persönlichkeit darf dabei nicht auf der Strecke bleiben.
Wir können uns vorstellen, wie es der Tochter des Jairus wohl gegangen ist. Auch sie hatte bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Sie hatte zu funktionieren, so wie es von ihr erwartet wurde.
Sie hatte kein eigenes Leben, keine Identität und keine Zukunftsperspektive. Sie war in ihrer Rolle gefangen, und sie hatte keine Gelegenheit, sich selbst zu entwickeln.

Sie war ungefähr 12 Jahre alt, so berichtet die Bibel. Damals war man in diesem Alter heiratsfähig. Es wurde wieder eine neue Abhängigkeit und neue Verpflichtungen von ihr verlangt. Damals wurde man auch gar nicht gefragt, ob man heiraten will oder nicht.
Aber das Töchterlein des Jairus weigerte sich nun, das Leben so weiterzuleben.
Sie war tot. In ihr war nichts mehr lebendig.
In diese Situation hinein kam Jesus. Er sagte: sie ist nicht tot, sie schläft nur.
Er nahm sie bei der Hand und sprach sie an: Talita kum, das heißt übersetzt: Mädchen ich sage dir steh auf! Und sogleich stand das Mädchen auf und ging umher. Was war passiert?
Was hat das Mädchen wieder zum Leben erweckt?
Jesus sagte zu ihr: Mädchen, er spricht sie persönlich an. Sie selbst ist gemeint.
Steh auf, das bedeutet: schau dich um, und schau in dich hinein. Wer bist du selbst?
Lass dein eigenes Leben auferstehen, und mache eigene Schritte in deinem Leben. Lebe deine Gaben und deine Fähigkeiten, die dir Gott gegeben hat. Lebe dein eigenes Leben und lerne dein Leben zu genießen und dich daran zu freuen. Lass deine Seele sich entfalten.
Du musst keine Kopie deiner Eltern oder Verwandten sein oder von sonst einem Menschen. Wenn du das versuchst wirst du nicht glücklich, du strengst dich an und hast keinen Erfolg.
Du bist ein eigenständiger Mensch mit ganz anderen Gaben und Fähigkeiten, mit eigenen Gefühlen und Sehnsüchten. Gott hat jeden Menschen anders gemacht. Und du darfst und sollst deine Gaben und deine Fähigkeiten leben, so wie dich Gott gemeint hat.

Auch wenn wir uns nicht so total dem Leben verweigern, wie die Tochter des Jairus, so leben wir unser Leben doch nicht in der ganzen Fülle, in all seinen Facetten und Farben.
Wir leben unseren Alltag und tun unsere Pflichten.
Die Älteren denken vielleicht, was hat das Leben für mich noch zu bieten?
Es lohnt sich jeden Tag neu aus Gottes Hand zu nehmen und ihn zu fragen: was kann ich heute mit dir erleben? Was hast du heute mit mir vor? Was willst du mir heute Neues zeigen?
Wenn wir so erwartungsvoll und neugierig vor Gott stehen, dann kann jeder Tag hell und bunt werden. Horcht in euch hinein, das Leben ist in jedem Lebensalter lebenswert.

Und noch etwas ist ganz wichtig:
In der alttestamentlichen Lesung haben wir gehört, wie Gott dem Menschen seinen Odem einhaucht. Daraufhin war der Mensch lebendig.
Hören wir noch einmal diesen Teil der AT Lesung: 1. Mose 2, 7 : (Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens ein. Und so war der Mensch ein lebendiges Wesen.)wird vom Liturgendienst gelesen.
Wir haben Gottes Atem in uns. Er macht uns erst zu einem wirklich lebendigen Menschen. Ich bin lebendig durch Gottes Atem. Dadurch werden wir befreit zum Leben, und befreit zum Lieben, Gott, mich selbst und andere.

Spüren wir nun einmal ganz bewusst unseren Atem. Atmet tief ein und aus. Ihr spürt, wie sich der Brustkorb hebt und senkt. Wir spüren das Leben in uns, mit jedem Atemzug atmen wir das Leben ein.

Schaut einmal her, was ich mit meinem Atem machen kann. ( Luftballon aufblasen )
Wenn ich ihn jetzt loslasse, dann könnt ihr sehen, wie lebendig mein Atem ist. ( Luftballon fliegen lassen.)
Stellt euch nun einmal vor, jeder von euch hätte so einen bunten Luftballon und würde ihn fliegen lassen, wie bunt und lebendig wäre es dann hier in unserer Kirche.
Aber manche von euch denken jetzt vielleicht: das ist doch etwas unpassend einen Luftballon in der Kirche fliegen zu lassen.
Vielleicht habt ihr auch Freude an dem Luftballon gehabt.
Für mich war das ein schönes Bild für Lebendigkeit. Und deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, ihn fliegen zu lassen.
Lebendigkeit und Freiheit gehören zusammen. Gott erweitert Grenzen, er gibt Freiheit zum Leben. Es gibt ein Lied, das heißt: mit meinem Gott spring ich über Mauern. Das ist Freiheit, das ist Leben und lebendig sein.

Lassen wir das lebendig-göttliche in uns nicht von unserem Alltag zu schütten. Geben wir der Lebendigkeit Gottes in uns wieder Raum, dass wir zu neuem Leben erwachen.
Nehmen wir die Hand Jesu an, wenn er sagt: steh auf und geh. Trauen wir Gott und uns selbst etwas zu. Lasst euern bunten Luftballon in der Kirche fliegen. Das müsst ihr jetzt nicht wörtlich nehmen. Damit möchte ich sagen:
Gebt eure Lebendigkeit und Kreativität nicht vor der Kirchentür ab. Bringt euch damit in die Gemeinde ein.
Warum denken viele Menschen, Kirche und Christ sein ist altmodisch und langweilig, und winken müde ab, wenn davon die rede ist? Leben wir ihnen so ein Christ sein vor?
Wir sind mit unserem Leben mit dafür verantwortlich, dass andere Menschen interessiert und angesteckt werden von der Liebe Gottes. Machen wir uns das einmal bewusst. Mit unserem oft langweiligen und leblosen Christ sein halten wir Menschen davon ab, Gott zu begegnen.
Also noch ein Grund dein Leben zu leben, so wie dich Gott gemeint hat.

Ihr merkt, das Leben kann viel mehr sein.
Wir brauchen uns aber jetzt nicht selbst anzustrengen und nun verkrampft versuchen endlich zu leben. Nein, Jesus ging auf das Töchterlein des Jairus zu. Er sprach sie an, er richtete sie auf, er machte ihr Mut.
Jesus lebt nun aber nicht mehr leibhaftig unter uns. Wie kann Jesus uns heute ansprechen und aufrichten?
Hören wir nun noch einmal auf unsere NT Lesung Joh. 14,16- 19 (Liturgendienst)
Jesus ist zu seinem Vater im Himmel gegangen und schickte den Menschen den Heiligen Geist. Er ist uns ganz nahe, er ist in uns. Wir brauchen nie mehr alleine zu sein. Durch ihn haben wir Kontakt zu Gott. Er zeigt uns Gottes Willen. Er zeigt uns, was wir tun sollen. Wir müssen uns die Zeit und die Ruhe gönnen um darauf zu hören.
Auch in anderen Menschen lebt der Heilige Geist. Sie sind oft Mund und Hände Gottes, die uns ermutigen und aufrichten. Auch wir selbst können solche Menschen sein.

Jesus ist in das Leben der Tochter des Jairus getreten. So kann er also auch heute noch in unser Leben treten. Nehmen wir seine ausgestreckte Hand und lassen uns aufrichten. Jesus verändert Leben. Er macht uns bewusst, wofür wir auf der Welt sind. ER macht uns zur Person.
Jesus ermutigt uns aufzustehen, weiter zu gehen und das Leben mit beiden Händen zu ergreifen.
Unsere Mitmenschen sollen spüren und sehen, dass ein Leben mit Gott lebenswert ist.

Kehren wir noch einmal zurück zu unserem Predigttext. Wie wird wohl das Leben des Töchterlein des Jairus weitergegangen sein?
Sie wurde von Jesus zur eigenen Freiheit belehrt, indem Jesus sie als eigenständigen Menschen in ihrem tiefsten Innern angesprochen hat.
Nun vermag die Frau, die jetzt aufhört des Jairus Töchterlein zu sein, zu essen, selber zu wachsen, und das Leben nicht mehr zu verachten, weil das Leben ein unendliches kostbares Gut ist, das es heißt, aus den Händen Gottes zu nehmen.

Amen

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